In einem aktuellen Papier beschreibt Karsten Lüthke die „Perspektiven bei einer Rückkehr in das Kosovo, insbesondere für Angehörige ethnischer Minderheiten“. Lüthke war bis vor einigen Monaten als Repatriation Adviser für UNMIK im Kosovo tätig. In dem 12-seitigen Papier kommt Lüthke zu folgenden Ergebnissen:
- Unterstützungsstrukturen für Rückkehrer sind kaum vorhanden. Viele berichten, dass sie von deutschen Ausländerbehörden unter Hinweis auf vermeintliche Unterstützung vor Ort zur Rückkehr „überredet“ worden seien. Tatsächlich sind sie weitgehend auf sich selbst gestellt oder auf Unterstützung durch den Familienverband angewiesen. Hilfsprogramme von NGOs für Rückkehrer sind inzwischen stark reduziert worden. Abgeschobene aus westeuropäischen Staaten können mit keinerlei Hilfe von nicht-staatlichen Organisationen rechnen. UNMIK verfügt über keine eigenen Mittel zur Unterstützung von Rückkehrern. Für den Zugang zu sozialen Leistungen gibt es hohe Hürden. Obwohl Sozialhilfeleistungen 30% des Gesamtsbudgets des Kosovo ausmachen, leben 37% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.
- Die Sicherheitslage wird insbesondere von den Minderheitenangehörigen noch als bedrohlich empfunden, was zu einem objektiven Mangel an Bewegungsfreiheit führt. Dass es nach März 2004 zu keinen großflächigen organisierten Übergriffen gegen Minderheiten mehr gekommen ist, führt allein nicht zu einem Gefühl dauerhafter Sicherheit. Zur Sicherheitsproblematik trägt auch bei, dass es Polizei und Justiz an Professionalität und Effektivität weiterhin mangelt.
- Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 50%, bei Jugendlichen bei ca. 70%. Angehörige der Roma, Ashkali usw. sind vom regulären Arbeitsmarkt faktisch weitgehend ausgeschlossen. Eine Studie zur Situation abgeschobener Ashkali belegte, dass trotz vorliegender Qualifikation nur eine von vierzehn Personen auf dem Arbeitsmarkt in Kosovo integriert war.
- Ausreichende Wohnmöglichkeiten gibt es häufig nicht. Insbesondere für Roma- und Ashkaligemeinden gilt: Viele Häuser sind zerstört, Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden sind vielfach ungeklärt - dies erschwert die Rückkehr. Andere Unterkunftsmöglichkeiten sind nicht vorhanden. Wo eine Rückkehr an den früheren Wohnort nicht möglich ist, bleibt nur die oft unrealistische Alternative, anderswo privat im Familienkreis Unterschlupf zu suchen.
- Menschen mit Gesundheitsproblemen tragen zusätzliche Rückkehrrisiken. Trotz immenser Investitionen bewegt sich die medizinische Versorgung im Kosovo auf niedrigem Niveau (hohe Mütter- und Kindersterblichkeit). Posttraumatische Belastungsstörungen, unter denen Kriegs- und Gewaltopfer häufig leiden, können im Kosovo zurzeit noch nicht angemessen behandelt werden.
- Zu den Rückkehrern mit besonderen Problemen gehören schulpflichtige Kinder. Nach langem Aufenthalt in europäischen Aufnahmestaaten fehlen ihnen albanische Sprachkenntnisse. Integrations-/Sprachkurse für Schüler gibt es nicht. Mangels Krankenversicherung oder sonstiger Unterstützung haben behinderte Kinder im Kosovo bislang keine Chance. Kinder der Roma- und Ashkaliminderheit sehen sich zusätzlich Diskriminierungen ausgesetzt.
- Alleinstehende und insbesondere allein erziehende Frauen haben im Kosovo keine ausreichende Lebensgrundlage außerhalb der Familie.
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